Das Paderborner Modell

Dr. Ulli Polenz im Gespräch mit Sigrid Marxmeier, Leiterin Freie Berufe der VerbundVolksbank OWL eG.

Vor gut eineinhalb Jahren schlossen sich das Praxisnetz Paderborn und fünf Krankenhäuser – das Brüderkrankenhaus St. Josef, das Evangelisches Krankenhaus St. Johannisstift, das St. Vincenz- Krankenhaus, die LWL Kliniken Paderborn und das Medizinisches Zentrum für Gesundheit (MZG) in Bad Lippspringe – zusammen, um aktiv die Sicherung der hausärztlichen Versorgung im Kreis Paderborn voranzutreiben. Sie gründeten den Weiterbildungsverbund Allgemeinmedizin Paderborn und bieten angehenden Allgemeinmedizinern seither im Rahmen dieses „Paderborner Modells“ ein in Ostwestfalen-Lippe einzigartiges Rund-um-sorglos-Paket an, wenn sie ihre fünfjährige Facharztausbildung in Krankenhäusern und Praxen im Kreis Paderborn absolvieren. Ziel ist es, die Mediziner auch nach den fünf Jahren vor Ort zu halten. Wie das „Paderborner Modell“ funktioniert, erklärt Dr. Ulli Polenz, der zweite Vorsitzende des Praxisnetzwerkes Paderborn.

Herr Dr. Polenz, 1981, vor mittlerweile 36 Jahren, haben Sie als Allgemeinmediziner Ihre Praxis in Paderborn-Wewer gegründet. Warum folgen diesem Beispiel heute immer weniger junge Kollegen?

Dr. Ulli Polenz: Als ich Ende der 1970er-Jahre meine Weiterbildung zum Allgemeinmediziner im Krankenhaus absolviert habe, da war ich auf einer Stationmit 40 Patienten und die durchschnittliche Liegezeit betrug vier Wochen. Auf dieser Station lagen alle Patienten, die eine internistische Erkrankung hatten und ich war 95 Prozent meiner Arbeitszeit auf dieser Station eingesetzt. Nach zwei Jahren hatte ich dann durchaus das Gefühl, dass ich viele Krankheitsbilder, die in der Inneren Medizin vorkommen, gesehen hatte und dass ich viele von ihnen behandeln konnte. Heutzutage wiederum gibt es auf einer solchen Station mindestens acht verschiedene Spezialabteilungen und die Kollegen arbeiten in einer von diesen acht. Mindestens 50 Prozent ihrer Arbeitszeit verbringen sie in den Speziallaboren, zum Beispiel im Herzkatheterlabor oder in der Endoskopie. Und nach zwei Jahren haben sie dann dennoch das Gefühl, dass sie den Katheter noch nicht richtig schieben können, geschweige denn, dass sie wissen, was sie mit einem Lungenkranken machen sollen oder mit einem Patienten, der dann auch noch Rückenschmerzen dazu hat. Den jungen Kollegen kommt es daher sicher oft so vor, als wenn die Allgemeinmedizin ein riesiger Berg ist, der gar nicht zu bewältigen ist. Dabei wird verkannt, dass nach wie vor ungefähr 80 Prozent der Diagnosen dadurch gestellt werden, dass man den Patienten reden lässt und die Anamnese erhebt. Nur zehn Prozent kommen durch das körperliche Untersuchen und weitere zehn Prozent durch die ganzen technischen Untersuchungen hinzu. Die Tätigkeit eines Allgemeinmediziners ist einfach so fundamental anders als das, was im Krankenhaus passiert. Und deshalb kann man allein im Krankenhaus auch kaum darauf vorbereitet werden, sondern nur in einer richtigen Praxis. Aber um dort hinzugelangen, müssen sich Kollegen oder Kolleginnen ja erst überlegt haben, dass der Beruf des Allgemeinmediziners für sie das Richtige sein könnte. Unsere Hoffnung als Weiterbildungsverbund Allgemeinmedizin Paderborn ist es daher, mit dem „Paderborner Modell“ junge Kollegen auf die Idee zu bringen, Allgemeinmediziner zu werden.

Wie funktioniert das „Paderborner Modell“ und welche Vorteile bringt es den Praxen, den  Kliniken und angehenden Allgemeinmedizinern?

Dr. Ulli Polenz: Um Allgemeinmediziner zu werden, ist nach dem Studium eine fünfjährige Weiterbildung nötig. Drei Jahre davon werden in einem Krankenhaus absolviert, zwei Jahre in einer Arztpraxis. Im Krankenhaus hat der angehende Allgemeinmediziner ein Interesse daran, möglichst viele Dinge und Abteilungen kennenzulernen, um für das große Spektrum eines Hausarztes gewappnet zu sein. Die Chefärzte wiederum haben ein großes Interesse  daran, Kollegen möglichst lange in ihrer Abteilung zu halten, denn je mehr Erfahrung sie haben, desto wertvoller sind sie für die Abteilung. Wenn die angehenden Allgemeinmediziner also nach einem Jahr die Abteilung im Krankenhaus wechseln möchten, kann es im menschlichen Bereich schon manchmal zu Problemen kommen. Außerdem müssen sie sich bislang immer wieder neu auf die Stellen bewerben und es ist nicht gesichert, dass die Stellen zu diesem Zeitpunkt auch tatsächlich frei sind. Bei unserem „Paderborner Modell“ bewirbt sich der Kollege nur einmal und bekommt dann einen Vertrag für fünf Jahre in Paderborn. Die Ausbildungsabschnitte kann er sich aus dem Angebot der teilnehmenden Kliniken flexibel zusammenstellen. Da hierfür zusätzliche Stellen geschaffen wurden, wird der Kollege für die Abteilung zudem noch ein Stück wertvoller, weil er eben nicht eine normale Stelle belegt, sondern eine Zusatzstelle mitbringt, er ist also eine zusätzliche Kraft.

Weiterbildungsverbünde sind in Westfalen-Lippe allerdings nicht neu …

Dr. Ulli Polenz: Das stimmt, es gibt Weiterbildungsverbünde nahezu flächendeckend in Westfalen-Lippe, mehr als 50. Diese Verbünde bestehen aber in der Regel nur aus einer oder zwei Praxen und einem Krankenhaus. Das Wesentliche am „Paderborner Modell“ ist, dass hier das Praxisnetz mit insgesamt 70 Praxen, davon 50 allgemeinärztliche Praxen,  sowie alle Krankenhäuser im Kreis Paderborn beteiligt sind. Dadurch können die Bewerber aus einer großen Fülle von Angeboten wählen. Außerdem möchten wir die fünfjährige Facharztausbildung so angenehm wie möglich gestalten und geben Hilfestellung bei der Wohnungssuche, der Kinderbetreuung und der Jobsuche für die Partnerin oder den Partner. Eben ein echtes Rund-um-sorglos-Paket. Dies wurde im Übrigen von den Bewerbern auch in den Bewerbungsanschreiben positiv zum Ausdruck gebracht, das ist aufgefallen.

Wie wird das „Paderborner Modell“ angenommen? Wie viele Stellen sind besetzt?

Dr. Ulli Polenz: Gestartet sind wir mit dem Weiterbildungsverbund im Juli 2016 und hatten  im Oktober schon alle drei Plätze belegt. Insgesamt lagen uns 18 Bewerbungen vor. Die Nachfrage war also groß. Nach drei Jahren, wenn die jetzigen Kollegen aus dem Krankenhaus in die Praxis wechseln, werden die drei Stellen wieder neu ausgeschrieben. Besonders positiv ist aber auch, dass zwei dieser drei Kolleginnen und Kollegen nicht aus Paderborn stammen, sondern aufgrund des Angebotes in den Kreis gekommen sind. Ein Kollege kommt aus Erlangen, eine Kollegin aus Düsseldorf, eine weitere Kollegin hier aus Paderborn. Von daher hat das Konzept bereits insofern gefruchtet, dass neue Ärzte für Paderborn, die sich eine Zukunft hier vorstellen können, gewonnen werden konnten.

Wie groß schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass diese drei Ärzte nach den fünf Jahren in Paderborn bleiben?

Dr. Ulli Polenz: Innerhalb von fünf Jahren verwurzelt man schon in einer Region. Man muss aber auch bedenken, dass die Kollegen, wenn sie den Vertrag unterschreiben, zwischen 28 und 35 Jahren alt sind und damit häufig in einer Lebensphase, in der noch vieles offen ist. Es müssen noch Grundfragen geklärt werden, beispielsweise: Wo will ich leben, was will ich tun, mit wem will ich leben? Mit den Antworten darauf kann natürlich auch noch einmal ein Umzug verbunden sein. Das können wir nicht alles planen, das müssen wir abwarten. Diese Unwägbarkeiten sind in diesem Alter normal, da müssen wir einfach schauen, wie sich das entwickelt.

Wie entstand die Idee zum „Paderborner Modell“?

Dr. Ulli Polenz: In Paderborn haben wir die Besonderheit, dass wir eine sehr gute  Gesprächskultur zwischen niedergelassenen Ärzten, Krankenhäusern und den übrigen Beteiligten im Gesundheitswesen, vor allem den Krankenkassen, haben. Das ist in vielen  Regionen ganz anders. Seit über 25 Jahren existiert etwa ein Arbeitskreis aus den Verwaltungsleitern der Krankenhäuser, den Leitern der örtlichen Krankenkassen und  Vertretern der Kassenärzte, der sich viermal im Jahr trifft. Durch diesen Kreis haben alle einen ganz guten Blick dafür, wie sich die Probleme vom anderen Schreibtisch aus darstellen. Im März 2015 hielt ich in diesem Kreis einen Vortrag über die Situation des hausärztlichen Nachwuchses. Und da wurde eben deutlich, dass im Kreis Paderborn sehr viele Kollegen kurz vor der Rente stehen und sehr wenige junge Ärztinnen und Ärzte nachrücken. Schnell bestand Einigkeit, dass wir etwas tun müssen und diese Entwicklung nicht einfach auf uns zukommen lassen dürfen. Es gab viele weitere Gespräche – mit dem Ergebnis, dass die drei Krankenhäuser in Paderborn letztlich je eine zusätzliche Stelle eingerichtet haben.

Die Einrichtung solcher Stellen ist aber auch immer mit Investitionen verbunden. Wie schwer war es, die Krankenhäuser davon zu überzeugen?

Dr. Ulli Polenz: Die Verantwortlichen in den Krankenhäusern haben erkannt, dass es mit dem Wegbrechen vieler Hausärzte auch für sie deutlich schwieriger wird, da die Hausärzte eine ziemliche Filterfunktion haben. Einfaches Rechenbeispiel: Wir haben zurzeit im Kreis Paderborn etwa 100 Hausärzte. Die behandeln jeweils jeden Tag etwa 60 Patienten, das sind 6.000 Patienten am Tag. Wenn die Hälfte der Ärzte in den kommenden zehn Jahren wegfällt und nur zehn Prozent der dann unbehandelten Patienten ins Krankenhaus gehen, muss jedes der drei Krankenhäuser pro Tag 100 Patienten mehr behandeln. Das ist eine Aufgabe, die nur schwer zu bewerkstelligen ist. Daher ist es im ureigenen Interesse der Krankenhäuser, diese Schiene nicht ausbluten zu lassen. Aber natürlich war es für die Krankenhäuser auch nicht einfach, mehrere zehntausend Euro pro Jahr für eine zusätzliche Stelle bereitzustellen. Schließlich müssen sie dieses Geld aus dem laufenden Betrieb  erwirtschaften, das bekommen sie nirgendwo zurück. Letztlich haben aber alle die  Dringlichkeit des fehlenden Nachwuchses erkannt und gehandelt.

Wird die geplante neue medizinische Fakultät in Bielefeld ein weiterer Baustein sein, um den Nachwuchsmangel zu bekämpfen?

Dr. Ulli Polenz: Auf jeden Fall. Die Hauptursache, dass wir diesen Nachwuchsmangel überhaupt haben, sehe ich darin, dass wir seit 1989 allein in Nordrhein-Westfalen ein Drittel der Medizinstudienplätze verloren haben. Wir hatten 1989 etwa 3.300 Studienplätze in Medizin und wir haben jetzt 2.300 Studienplätze, also 1.000 weniger. Und egal, welche Regierungskoalition in Nordrhein-Westfalen an der Macht war, alle drei bis vier Jahre  wurden wieder Studienplätze gestrichen, weil Medizinstudienplätze eben sehr teuer sind. Diese 1.000 Studienabsolventen pro Jahr, die fehlen uns jetzt an allen Ecken und Enden.