Digitalisierung im Gesundheitswesen

Hemmnisse und Chancen

Die Digitalisierung nimmt an Fahrt auf. Doch im internationalen Vergleich hat Deutschland einen deutlichen Nachholbedarf. Der geringe Digitalisierungsgrad wird auch durch den aktuellen „Wirtschaftsindex Digital 2017“ bestätigt.

Digitale Lösungen im Gesundheitswesen sind in anderen europäischen Ländern zum Teil bereits weit vorangeschritten. Gerade am Beispiel der elektronischen Gesundheitskarte und deren Anwendungen lassen sich deutliche Unterschiede in der digitalen Entwicklung aufzeigen. Bereits 2005 wurde in Österreich die elektronische Krankenversicherungskarte  (e-Card) eingeführt, seit drei Jahren können Ärzte in Belgien elektronische Rezepte ausstellen und Finnland verzichtet vollständig auf Rezepte in Papierform und setzt ausschließlich auf die digitale Verordnung.

Wie weit die Digitalisierung in deutschen Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft fortgeschritten ist und welche Veränderungen bis 2022 zu erwarten sind, zeigt der aktuelle „Wirtschaftsindex Digital 2017“. Dieser entstand im Rahmen einer repräsentativen Befragung durch TNS Infratest und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), die im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie durchgeführt wurde. Dabei erreichte das Gesundheitswesen lediglich 37 von möglichen 100 Punkten auf der Digitalisierungsskala und befindet sich somit auf dem letzten Rang (vgl. Abbildung). Es wird davon ausgegangen, dass sich der Digitalisierungsgrad im Bereich des Gesundheitswesens bis 2022 auf lediglich 39 Punkte erhöhen wird. Dies wird unter anderem auch damit zusammenhängen, dass 48 Prozent der befragten Einrichtungen der Gesundheitswirtschaft eine Digitalisierung für sich als nicht erforderlich ansehen.

Auch der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) sieht im Vergleich zu anderen Branchen und Lebensbereichen einen deutlichen Nachholbedarf bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland. In einer aktuellen Studie geht der Verband auf die fünf größten Blockaden auf dem Weg zur digitalen Gesundheit ein:

  • Starre gesetzliche Regulierungen: Innovative digitale Versorgungsangebote werden durch das Fernbehandlungsverbot und die allgemeine Praxispflicht (Niederlassung an Praxis gebunden) eingeschränkt. Digitale Start-ups im Gesundheitswesen werden neben unklaren Regulierungen zusätzlich durch einen unzureichenden
    Zugang zum Kapital behindert.
  • Überholte Strukturen bei den Krankenkassen: Krankenversicherer stehen vor der Herausforderung, die neuen digitalen Lösungen in das Leistungsangebot zu integrieren. Hinderlich wirken sich dabei die Datenschutzproblematik, Unsicherheiten bei haftungsrechtlichen Fragen sowie fehlende verlässliche Qualitätsnachweise/Nutzenbewertungen für digitale Angebote aus. Erste erfolgreiche Ansätze wie beispielsweise die Tinnitus-App werden jedoch von einigen Krankenkassen auf Rezept erstattet.
  • Gegenläufige Interessen der einzelnen Akteure: Neue Konzepte und Innovationen erfordern ein Umdenken – Selbstverwaltungsorgane dagegen haben häufig die Tendenz, den Status quo zu erhalten und Partikularinteressen schützen zu wollen, was neuartige Lösungen eher behindert.
  • Datenschutz: Der sichere und vertrauliche Umgang mit den sensiblen Gesundheitsdaten ist unabdingbar. Allerdings hemmt das Dickicht aus sehr komplexen datenschutzrechtlichen Regelungen Unternehmen bei der Entwicklung digitaler Angebote.
  • Unzureichende Informationen für die Bevölkerung: Verbraucher, aber auch Ärzte sind nicht ausreichend über die Möglichkeiten der Digitalisierung informiert. Zusätzlich besteht kein Vertrauen in die digitalen Angebote.

Einen Rahmen für die Steuerung und Förderung der Digitalisierung hat der Gesetzgeber 2015 mit dem E-Health-Gesetz geschaffen. Dabei steht die Stärkung der Gesundheitsversorgung und Selbstbestimmung der Patienten an oberster Stelle. Eine neue digitale Infrastruktur (Telematikinfrastruktur) in Kombination mit der elektronischen Gesundheitskarte und deren Anwendung bildet das Grundgerüst für die digitale Entwicklung. Falls die Frist eingehalten werden kann, werden voraussichtlich Ende 2018 alle Arzt- und  Psychotherapiepraxen sowie die Krankenhäuser im Rahmen des E-Health-Gesetzes an die Telematikinfrastruktur angebunden sein. Diese verbindet schnell und sicher die verschiedenen Akteure und gewährleistet eine reibungslose Kommunikation. Davon profitiert vor allem der Patient. Die Behandler können zeitnah auf die Gesundheitsdaten zugreifen, Doppeluntersuchungen können vermieden werden, elektronische Notfalldaten oder der digitale Medikationsplan können Leben retten. Videosprechstunden können vor allem in unterversorgten Gebieten einen Mehrwert bieten, ebenso aber auch für Patienten mit eingeschränkter Mobilität. Auch wirtschaftlich gesehen ist die konsequente Umsetzung von E-Health-Anwendungen attraktiv. Laut einer Studie des Unternehmensberaters Pricewaterhouse-Coopers (PwC) sollen jährlich 39 Milliarden Euro eingespart werden  können. Die Vorteile können allerdings nur voll ausgeschöpft werden, wenn die Hindernisse der Digitalisierung weiter abgebaut und ein gleichberechtigter Zugang zur Digitalisierung fürweitere Marktteilnehmer (zum Beispiel Start-ups) gewährleistet werden können.